Atman

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Grundlagen der
Vaishnava-Lehre

Das Selbst (Atman)
umhüllt von:


Die Kräfte Gottes


Gottes Reich


Einheit in Vielfalt


Zur Geschichte

Atman, Atma (Ātman, Ātmā), auch Jiva oder Jivatman (Jīva oder Jīvātman), ist ein vieldeutiges Schlüsselwort. Im Kern unverändert bleibt jedoch immer die Bedeutung, dass der Atman einer vollkommen anderen Kategorie angehört, als all das, was aus der Gesamtheit aller sichtbaren und unsichtbaren, sich fortwährend wandelnden messbaren Natur (Maya-Shakti) stammt. Wird oft mit Geist oder Seele übersetzt.


Inhaltsverzeichnis

Was ist der Atman

Es ist ein Lichtfunke aus dem Strahlenmeer, welches unaufhörlich vom spirituellen Körper Gottes ausgeht. Die Gesamtheit dieses Strahlenmeers, das die gesamte unendliche spirituelle Sphäre ausfüllt, nennt man Brahmajyoti. Jeder dieser winzigen Lichtfunken ist ein Atman, auch Jiva genannt. Die Gesamtheit aller Atmas wird auch Tata-stha-Shakti genannt, die am Rande verlaufende Kraft Gottes.

Sat (ewiges Sein), Cit (vollkommene Erkenntnis) und Ananda (göttliche Wonne) sind seine natürlichen Eigenschaften.

Atman ist das ewige göttliche Selbst, d. h. die im Körper anwesende göttliche Seele (Jivatma), eine ewige Emanation von Gott selbst. Wir, die Atmans, sind daher im wahrsten Sinne des Wortes die Söhne oder Töchter Gottes und noch weit mehr.

Der verkörperte Atman

Wird über das Lebewesen als Atman gesprochen, bezieht sich dies allein auf die ewige und unveränderliche innerste Identität. Es ist dieses innerste unzerstörbare Ich, das von den feinstofflichen Hüllen (Manas: Denken, Fühlen, Wollen; Buddhi: Intelligenz; Ahankara: Falsches Ego) und dem grobstofflichen Körper eingekleidet und bedingt wird. Es ist auch der Atman, der diesen Hüllen ein scheinbares Leben verleiht.

"Das Selbst wird nie geboren und es stirbt zu keiner Zeit. Es ist immerwährend, ungeboren, ewig, uralt und wird nicht zerstört, wenn der Körper vernichtet wird." (Krishna in der Bhagavad-Gita 2.20)

Woher kommt der Atman

Der Veda arbeitet oft mit Analogien, uns bekannten "Bildern" um sich der ewigen Wirklichkeit anzunähern, aber gleichzeitig wird davor gewarnt, diese "Bilder" als das Transzendente misszuverstehen. Hier folgt ein solches "Bild".

Der Veda spricht von drei Hauptkräften Gottes:

Die Atmans werden "die am Rande (machmal auch "in der Mitte") verlaufende Kraft oder Energie genannt, weil sie sich zwischen diesen zwei anderen grossen Kräften Gottes bewegen. Im Brahmajyoti geniessen die Atmans (gewissermassen völlig selbstvergessen, wie in einer extrem tiefen Meditation) in einem absolut passiven Zustand das Glück, welches von der Cit-Shakti ganz natürlich ausströmt. Wenn ein Atman, einer dieser spirituellen Lichtfunken, berührt vom Glück, Aktivität entfaltet, passiert ganz automatisch ein innerer Prozess.

Hierzu muss man verstehen, dass im Bereich des Lichtmeeres, der göttlichen Ausstrahlung (Brahmajyoti), die Atmans oder Seelen keine persönlichen oder individuellen Merkmale entfalten. Ihre ewige Individualität ist vorhanden, aber ihre Fähigkeit, Erkenntnis und Glück zu steigern (durch Aktivität), befindet sich, einfach gesagt, in einem deaktivierten, passiven Zustand.

Wenn also jetzt, hervorgerufen durch Impulse des statisch erfahrenen Glücks, die Seele dieses Glück erweitern möchte, erwacht sie und will natürlicherweise durch Aktivität ihr Glück steigern. Dafür braucht es aber einen geeigneten Ort. Das ist entweder die materielle Energie (Maya-Shakti) oder die spirituelle Energie (Cit-Shakti).

Beim "Erwachen" können nun zwei grundsätzlich verschiedene innere "Haltungen" im Atman Ausdruck finden:

  • Als Teil Gottes, als winzige Emanation von Ihm, besitzt der Atman in kleinem Ausmass Eigenschaften, die Gott selbst in unmessbarem Ausmass besitzt. Eine dieser Eigenschaften ist es: Gott ist das natürliche Zentrum aller Dinge und somit auch der natürliche Geniesser aller Dinge.
  • Ein anderer Aspekt Seiner Persönlichkeit ist Sein unendlicher Drang, die Wünsche aller bewussten Wesen zu erfüllen, ihnen allen zu dienen, um sie (entsprechend ihren Wünschen) glücklich zu machen.

Wenn im erwachenden Atman das Bewusstsein "Ich bin Zentrum" und "Geniesser" Oberhand gewinnt, besteht in der Cit-Shakti, wo sich alle Seelen über das wahre Zentrum bewusst sind, keine Möglichkeit, diesen Drang oder diesen Wunsch "Zentrum und Geniesser zu sein" zu leben und zu erleben. Hierfür steht die materielle Energie zur Verfügung.

Eingehüllt in ein falsches materielles Ich-Bewusstsein (Ahankara), geniesst der Atman die zeitweilige Erfahrung von "Zentrum und Geniesser sein".

Dieses "Zentrum-sein-wollen" hat aber noch eine weitere Konsequenz. Kein Atman hat die Berechtigung, seinen Anspruch gegenüber anderen Atmans, die alle von derselben göttlichen Natur sind, durchzusetzen. Daher unterstehen alle dem Karma-Gesetz, welches im Kreislauf der Wiedergeburten dafür sorgt, dass jede Seele mit den Folgen ihres eigenen Tuns konfrontiert wird, um durch Erfahrungen, die sich dem Unterbewusstsein (Citta) einprägen, zu lernen. Die wichtigste Lektion die es aber durch das Karma und den Kreislauf der Wiedergeburten zu lernen gibt, ist die Erkenntnis, dass wir uns im Gefühl, wir seien das wahre Zentrum und die wahren Geniesser geirrt haben und uns dem wirklichen Zentrum, Gott, zuwenden, den wir noch gar nicht persönlich kennen.

Wenn der erwachende Atma jedoch vom Impuls oder Wunsch, der Quelle des bereits erfahrenen Glücks zu dienen, erfüllt wird, kommt er unmittelbar und direkt in die spirituelle Welt, in den Bereich unendlicher Gotteswelten, wo die Atmas im liebend-dienenden Austausch ihn ihrer ewigen Identität in einem ewigen spirituellen Körper, der Gott oder seiner ewigen Gefährtin ähnlich ist, den Liebesaustausch mit Gott und anderen liebenden Seelen geniesst. Laut Veda machen gerade 25% aller Atmas ihren Weg über die materielle Energie.


Unsere Vorstellung und Sprache zementiert sehr oft die falsche Identität

Oft hört man die Frage: "Lebt meine Seele nach dem Tode weiter?" Oder auch die Aussage: "Wir Menschen besitzen eine Seele, Tiere nicht." Solche Fragen und Aussagen sind sprachliche Ausdrucksformen, welche unsere falsche Identifizierung mit Materie zum Ausdruck bringen und diese indirekt als Wahrheit festlegen.

Der Veda würde dazu sagen: "Wir können keine Seele (Atman) haben, die nach dem Tode evtl. weiterexistiert!" Das sind nur "sprachlich sehr verwirrende Formulierungen, sprachliches Zeugnis der Unwissenheit". Warum?
Wir sind die ewige Seele, bzw. Atman, und als solches sind wir eingehüllt in geistig-materielle und physisch-materielle Körper, die von zeitweiliger Natur sind. Der Tod bedeutet folglich: Wir (Atman) verlassen gemeinsam mit dem geistig-materiellen Körper, den physischen Körper, mit dem wir uns bis anhin identifiziert haben.

Der Körper hat in Wirklichkeit nie gelebt, er wurde von uns (Atman) lediglich belebt, ähnlich wie ein Auto oder Flugzeug lebendig erscheint, jedoch das scheinbare Leben durch den Fahrer oder Piloten erhält.
Das Gehirn könnte man in dieser Analogie mit einem höchst komplizierten Bordcomputer vergleichen: Viele Dinge sind veränderbar oder umprogrammierbar, aber grundlegend wichtige Funktionen sind auf solche Art in den Bordcomputer integriert, dass der Pilot oder Fahrer keinen Einfluss nehmen kann.
Der Fahrer braucht sich keine Gedanken über Airbag, ABS und andere elektronische Hilfen zu machen.

In ähnlicher Weise sind im Gehirn "Basisprogramme" integriert, so dass wir nie daran denken müssen, das Herz schlagen zu lassen, die Nieren oder Leber arbeiten zu lassen usw. Viele Funktionen des Körpers werden durch das Gehirn gesteuert, ohne dass wir auch nur daran denken müssen und wenn jemand doch mal daran denkt, hat er meistens keine Ahnung, wie es funktioniert.
Jedoch zu glauben, die Persönlichkeit sei mit den elektro-chemischen Prozessen des Gehirns identisch oder würde durch diese erschaffen, ist dasselbe, wie wenn man glauben würde, ein Auto oder Flugzeug hätte aufgrund des Bordcomputers eine eigene Persönlichkeit, mit anderen Worten: das Auto fährt ohne Fahrer und das Flugzeug fliegt ohne Piloten.

Oberflächliche Betrachter vermuten also, die individuellen Persönlichkeiten (wir selbst) seien gewissermassen mit den Bordcomputern (Gehirne) identisch. Dabei wäre gerade in diesem Fall unsere Sprache sehr hilfreich. Wir sagen nämlich "mein Gehirn", nicht "ich Gehirn". Mein Körper, nicht "ich Körper", "ich besitze Intelligenz oder Verstand", nicht "ich bin Intelligenz oder Verstand". Auf jeden Teil des Körpers und sogar auf den Intellekt erheben wir sprachlich einen Besitzanspruch.
Die dahinterstehende Persönlichkeit, welche diesen Besitzanspruch auf Körper und Intellekt erhebt, ist der Atman, der sich im gleichen Atemzug, unter dem Einfluss des Ahankara, schon wieder mit diesem "Besitz" identifiziert.

Der Atman in spiritueller Umgebung

Während die Anhänger des Advaita-Vedanta den Atman als identisch mit dem Brahman sehen, frei von allen Attributen, betrachten die Vaishnavas den Atman als ewiges transzendentes Individuum, erfüllt mit tranzendenten (nicht-materiellen) Eigenschaften.[1] In Vaikuntha, der ewigen spirituellen Welt, erhält und besitzt er eine ewige, seiner Sthayi-Bhava entsprechende spirituelle Gestalt. Die Gestalt ist nach dieser Auffassung der männlichen Gestalt Gottes oder Gottes Liebeskraft in weiblicher Form, wie etwa die von Radha, Sita oder Lakshmi ähnlich.

Jeder der Mitspieler Gottes in seinem Spiel (Lila) hat von Ewigkeit her eine dauernde Gestalt seiner Beziehung zu Gott im liebenden Dienen (Sthayi-Bhava genannt). Der Körper eines solchen Gefährten Krishnas (auch wenn er oder sie an der Lila auf Erden teilnimmt) ist nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Dienekraft, aus Prema (reine Gottesliebe). Sie bestehen aus Cit-Shakti und bilden daher die wahre Einheit von Gestalt und Atman.

Fussnoten

  1. Rupa Goswami, ein Schüler von Krishna-Chaitanya, beschreibt diese ausführlich in seinem Werk Bhakti-Rasamrita-Sindhu.

Siehe auch

Persönliche Werkzeuge