Shiksha

Shiksha (Śikṣā) und Diksha (Dīkṣā)

Shiksha = transzendente Unterweisung, das Lehren spiritueller Inhalte. Shiksha wird entweder freiwillig angenommen (ohne Druck) oder gegeben. Shiksha ist ein Geschenk, das niemals aufgezwungen wird. Wer den oder die Empfangenden irgendwie manipuliert, ist kein Shiksha-Guru (Lehrer).

Diksha = formelle Einweihung in die erhaltenen Unterweisungen durch einen Lehrer des Vertrauens (Guru).
Traditionell ist mit Diksha die Verleihung der heiligen Schnur an Brahmanas, Kshatriyas und Vaishyas gemeint.
Diese Art der formellen Einweihung ist für das Verständnis und das innere Erleben der Vaishnava-Shiksha bedeutungslos. Im besten Falle dient sie der Ermutigung, im schlechtesten Falle führt sie zu Hindernissen wie Stolz und Überheblichkeit.

Sri Gauranga Mahaprabhu sagt:

„Man braucht sich nicht der Einweihung (Diksha) zu unterziehen oder die Tätigkeiten auszuführen, die vor der Einweihung nötig sind. Man muss einfach den heiligen Namen mit den Lippen erklingen lassen. Auf diese Weise kann selbst ein Mensch aus der niedrigsten Klasse (Chandala) befreit werden.“
(Sri Chaitanya-charitamrita 2.15.108)

„Der heilige Name hängt nicht von Einweihung (na diksam), frommen Tätigkeiten oder der regulierenden purascarya-Prinzipien ab, die im allgemeinen vor der Einweihung eingehalten werden. Der heilige Name wartet nicht auf all diese Tätigkeiten. Er ist nicht auf fremde Hilfe angewiesen.“ 
(Sri Chaitanya-charitamrita 2.15.110)

Srila Bhaktivedanta Swami Prabhupada:

„Ob ein Vaishnava ordnungsgemäß eingeweiht ist oder nicht, ist belanglos. Man kann eingeweiht sein und trotzdem von der Mayavada-Philosophie1 verseucht sein, wohingegen ein Mensch, der den heiligen Namen des Herrn vergehenlos chantet, dieser Verunreinigung nicht erliegen wird. Ein vorschriftsmäßig eingeweihter Vaishnava2 ist vielleicht unvollkommen, aber einer, der den heiligen Namen des Herrn ohne Vergehen chantet, ist in jeder Hinsicht vollkommen. Obwohl er offensichtlich ein Neuling sein mag, muss er trotzdem als reiner, unverfälschter Vaishnava angesehen werden.“
(Erl. zu Cc 2.15.111)

1Die unpersönliche Advaita-Vedanta-Lehre Shankaras wird auch Mayavada genannt.

2Was eine „vorschriftsmäßige Einweihung“ bedeutet, wird hier von Haridasa Thakura am Beispiel von Mayadevi gezeigt und entsprechend von Bhaktivedanta Prabhupada kommentiert.

==== Das Ideal ====
Wer immer die tatsächliche Lehre (Shiksha) in sein Herz aufnimmt und folglich zwischen dem heiligen Namen und dem Herrn selbst keinen Unterschied sieht und durch das vergehenlose Chanten den Herrn in seinem Herzen festbindet, ist wahrhaft eingeweiht und nicht jener, der ein Ritual durchlaufen hat und denkt, das Ritual an sich befreie von allen [[aparadha|Vergehen]] und erwecke die [[Prema]] im Herzen des Schülers. Das Ritual der Einweihung ist im besten Falle wie das förmliche Unterschreiben eines Vertrages, der bereits lange vorher im Herzen abgeschlossen wurde.

Der Schlüssel zum Erfolg liegt also einerseits im richtigen Verständnis der Lehre und andererseits in der Praxis des vergehenlosen Chantens.

==== Ein (scheinbarer) Widerspruch ====
*“Das Lebewesen kann die Gegenwart der Überseele(([[Krishna]], als [[Paramatma]], der innere Lenker und Ratgeber.)) nicht direkt erfahren. So erscheint Shri Krishna in der Gestalt des Shiksha-[[Guru]], als der höchste Geweihte des Herrn (Mahanta).“ \\ (Cc 1.1.58)
*“Man sollte wissen, dass der anweisende geistige Meister (Shiksha-Guru) eine Manifestation Shri Krishnas ist. Shri Krishna offenbart sich als die Überseele ([[Paramatma]]) und als der beste Geweihte des Herrn (Bhakta-Srestha).“\\ (Cc 1.1.47)
*“Die Sonne und der Mond vertreiben die Dunkelheit der Welt und enthüllen so materielle Dinge wie Töpfe usw. Aber diese beiden Brüder ([[Chaitanya]] und [[Nityananda]]) nehmen die Dunkelheit aus dem Herzen und helfen uns so, den beiden Arten von //Bhagavatas// zu begegnen. Einer der Bhagavatas ist die bedeutende Schrift [[Bhagavatam]], und der andere ist der reine ([[Prema]]-)[[Bhakta]], der die [[rasa|Rasas]] (die Wohlgeschmäcker) liebender Hingabe empfängt und kostet. Durch diese beiden Bhagavatas gibt der Herr die Bhakti-Rasas (die ekstatischen Empfindungen der Liebe zu Gott) in das Herz seines Geweihten. Und so wird der Herr durch die reine Liebe im Herzen des Bhakta beherrscht.“ \\ (Cc 1.1.97-100)

Auf den ersten Blick scheinen die ersten Verse mit diesen hier im Widerspruch zu stehen. Dieser Widerspruch löst sich aber rasch auf, wenn wir diese Verse mit Hilfe der Vaishnava-Philosophie etwas näher betrachten.

=== Die Lösung ===
Durch geeignete Unterweisung (Shiksha) entwickelt man ein wenig Vertrauen in den Vorgang des [[Mantra|Chantens]]. Sobald wir in unserem Herzen und Verstand die Unterweisung (Shiksha) eines [[Vaishnava]] annehmen, akzeptieren wir diese Person als [[Guru]] (Lehrer), genau genommen als Shiksha-Guru, als unterweisenden Lehrer.\\
Kein Mensch kommt darum herum, Lehrer anzunehmen. Angefangen bei den Eltern bis hin zu den Universitätsprofessoren akzeptiert jeder Mensch ganz automatisch immer wieder verschiedene Arten von Lehrern (Gurus). Und wer sich auf den langen Weg zum Herzen macht, wird ebenfalls ganz natürlich seine [[guru|Gurus]] finden und von ihnen lernen. Wenn man über [[Krishna]], den höchsten Herrn lernen möchte und wissen will, wie man seine Liebe zu Ihm entwickeln kann, braucht man ebenfalls ganz natürlicherweise entsprechende Unterweisung. Diese Unterweisung kommt vom Shiksa-Guru, der im besten Falle ein Prema-Bhakta ist, jemand, der die ekstatischen Empfindungen (Bhakti-Rasas) im Herzen geniesst. Wer zu einem solchen Vaishnava eine innige und vertrauensvolle Beziehung entwickelt, wird von ihm evtl. auch Diksha annehmen.

==== Diksha, die formelle Einweihung ====
Der Effekt des Rezitierens der heiligen [[Name]]n Gottes ist nicht von Diksha abhängig((Genau betrachtet, kennen die Vaishnavas keine Formalitäten in Beziehung zum heiligen Namen. Diksha bezog sich ursprünglich nur auf die Einweihung in das Chanten des Gayatri-Mantras. Da die Menschen jedoch durch Rituale oft ihr Vertrauen stärken, hat es sich ergeben, dass auch der heilige Name in Verbindung zu Feuerzeremonien weiter gereicht wurde. In der [[sampradaya|Schülernachfolge]] selbst wird jedoch immer Shiksha betont.)), sondern von der geeigneten Shiksha, welche den Wunsch im Herzen stärkt, die Liebe zu Gott durch das vergehenlose Chanten seiner heiligen Namen zu entfachen.

Niemand sollte sich den falschen Glauben einreden lassen, er würde ohne die formelle Einweihung (Diksha) keinen Fortschritt machen können. Denn das, was sein spirituelles Leben entfacht, belebt und nährt, empfängt er bereits zu 100% durch die Shiksha, die spirituelle Unterweisung, Hand in Hand mit dem Chanten der [[Mantra|heiligen Namen]] Gottes.

=== Fazit ===
Der Gottsucher kommt einerseits nicht darum herum, [[guru|Gurus]], bzw. Lehrer anzunehmen, was durch das Akzeptieren ihrer Unterweisungen (Shiksha) automatisch geschieht (und dessen darf man sich ruhig bewusst sein), aber andererseits ist das Gelernte, in erster Linie das [[aparadha|vergehenlose Chanten]] der heiligen Namen Gottes und die praktische Entwicklung der Liebe zu Gott, nie von einer formellen Einweihung (Diksha) abhängig.

Das höchste Geschenk Gottes an die Lebewesen ist die Freiheit, und nur auf der Grundlage dieser genutzten Freiheit, kann sich wirkliche Liebe zu Gott entfalten und endlos anwachsen.

=== Siehe auch ===
* [[Guru]]
* [[Mantra]]
* [[Der heilige Name]]
* [[bhagavatam#freiheit_und_fortschritt|Bhagavatam]]

=== Weblinks ===
*[[https://gaurahari.ch/einweihung|Gedanken zur Einweihung]]
*[[https://gaurahari.ch/bhakti-basics/selbstverantwortung|Selbstverantwortung]]