Asura

Die Asuras (Asuras) sind die Gegenspieler der Devas (Suras).

Das Wort Sura bedeutet im Sanskrit „Lichtwesen“, „Lichtgestalt“. Durch die Vorsilbe „a“ wird die Verneinung bzw. die Bezeichnung des Gegenteils ausgedrückt.
Doch die Asuras sind größtenteils ebenfalls Lichtgestalten. Denn der Begriff Asura ist keine Beschreibung ihrer äußeren Gestalt, sondern eine Beschreibung ihrer inneren (geistigen) Haltung, die sich gegen das „Licht Gottes“ stellt, dem die Suras (Devas) zugewandt sind. Sowohl die Devas wie die Asuras wollen die grob- und feinstofflichen Welten (Dimensionen) genießen. Für beide Geisteshaltungen gibt es entsprechende Dimensionen (schier endlose feinstoffliche Weltenreiche), die sowohl zu ihren Wünschen als auch zu ihrem Karma passen.

Der Begriff „Asura“ wird häufig mit „Dämon“ übersetzt, was nicht unbedingt adäquat ist, wenn man bedenkt, was wir uns im 21. Jahrhundert unter Dämon vorstellen. Es sind keine hässlichen Höllenwesen, die einem Horrorfilm entsprungen sein könnten oder nur ehrgeizige, eifersüchtige und neidische Wesen, welche die Halbgötter (Devas) offen bekämpfen. Es können genauso gut auch moralisch hervorragend handelnde Seelen sein, die ethische Ziele verfolgen. Sie verstehen zumeist Karma und Reinkarnation, aber gleichzeitig weisen sie Gott und jegliche Philosophie von sich, welche die ewige Individualität Gottes und seine Oberhoheit lehren. Sie bekämpfen, verspotten oder ignorieren einfach alles, was ihre eigene „höchste Stellung im Universum“ infrage stellt.
Das Hauptkennzeichen eines Asura ist, dass er die Verehrung Gottes (Vishnus) kategorisch ablehnt, bzw. ihn als Hirngespinst oder ein Produkt von verrückten Menschen betrachtet. Mit anderen Worten, Asuras sehen Gott als ein Fantasieprodukt von schwachen Menschen.*
* Gemäß Veda existieren im Universum 400.000 unterschiedliche Menschenrassen. Die wenigsten von ihnen leben auf grobstofflichen Welten. Die große Mehrheit existiert in den unterschiedlichen Dimensionen der feinstofflichen Welten.

Physisch verkörperte Asuras, die von Unwissenheit (Tamah) überwältigt sind, betrachten ihr eigenes physisches Selbst als eine elektrochemische Wechselwirkung ihres physischen Gehirns. Geistig fortgeschrittene Asuras verstehen jedoch den Unterschied zwischen physischem und feinstofflichem Körper. Sie identifizieren sich daher mit den unterschiedlichen Formen und Fähigkeiten der feinstofflichen Hüllen.
Diese feinstoffliche Art der Selbstbetrachtung ist auch unter den Bewohnern von Deva-Welten verbreitet vorzufinden.

Eine weitere Wortdeutung leitet sich von den zwei Wörtern „asu“ und „ramante“ ab. Asu bedeutet Lebensatem und ramante genießen. In diesem Wortsinn ist ein Asura jemand, der seinen Lebenssinn im Genießen des Lebensatems oder des grob- und feinstofflichen Körpers sieht. Auch diese Wortdeutung verneint oder ignoriert das eigene spirituelle Selbst (Atman) und das höchste spirituelle Selbst (Gott) und deren natürliche und wesensgemäße Beziehung zueinander. – Quelle

Mächtige Asuras haben wiederholt versucht, die Welten der Devas gewaltsam zu erobern und die Regeln des Dharma zu zerstören (welche direkt und indirekt auf Vishnu hinweisen). Sie haben teils sogar offen gegen Avatare wie Narasimha, Rama oder Krishna gekämpft, im Glauben, sie wären mächtiger als sie. Die Asuras der feinstofflichen Welten sind, ebenso wie die Devas, Gestaltwandler. Das heißt, Kraft ihrer Gedanken können sie ihr äußeres Erscheinungsbild beliebig verändern. Sie leben normalerweise auf den „unteren sieben Welten“, welche oft auch höllische Planetensysteme oder Welten genannt werden.

Hölle

Diese höllischen Welten sind Ebenen des Kosmos, in denen die Gunas Tamah (Unwissenheit; Dunkelheit) und Rajah (Leidenschaft, Aktivität) vorherrschen. Die Unwissenheit oder Dunkelheit bezieht sich auf die innere geistige Haltung gegenüber dem eigenen Selbst (Atman) und Gott.
Asuras der meisten feinstofflichen Welten besitzen einen Lichtkörper, ebenso wie die Devas. Ihre Bildung und ihr Wissen sind auf materialistische Themen der grob- oder feinstofflichen Welten ausgerichtet. Sie dient dem Genuss, den Annehmlichkeiten, der persönlichen Schöpferkraft und der Freude, die durch die Sinne oder den Intellekt erfahren werden. Sie dienen letztlich nicht dem Wohl des eigenen Atman und auch nicht anderen verkörperten Atmans. Ihr Verstand und ihre Intelligenz sind auf die feinstoffliche und physische Ebene des Kosmos ausgerichtet. Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht vom materiellen Standpunkt her betrachtet, einer für sie vorteilhaften Ethik und Moral folgen.

Die Welten der Asuras; sie alle gehören – ebenso wie die himmlischen Welten der Devas – zum Bereich des endlosen Kreislaufs von Geburt und Tod (Samsara); sie sind vergänglich, sie alle haben einen Anfang und ein Ende, selbst wenn sie ein paar Milliarden von Jahren, nach irdischer Zeitrechnung bestehen können.

„Hölle“ ist auch nicht automatisch mit physischem oder psychischen Leid verbunden. Im Sinne des Bhagavatam liegt das Höllische darin, dass auf den Asura-Welten keine Möglichkeiten bestehen, sich dem Höchsten zuzuwenden. Es gibt kein Wissen über die spirituelle Natur Bhagavans und seiner unendlichen transzendenten Welten. Es sind nicht die leid- oder genussvollen Umstände, welche das Höllische oder das Himmlische definieren oder unterscheiden, denn die himmlischen Planeten sind auch nicht völlig frei von Leid. Die Asura-Welten werden daher im Bhagavatam auch „die himmlischen Planeten unterhalb der Erde“ genannt.
(Siehe Bhagavatam 5.24.7-31).
Es ist die innere geistige Haltung, welche zwischen Deva und Asura unterscheidet. So bewegen sich die Asuras auf Welten, in denen niemand über den Segen spricht, der in der Beziehung des Atman zum Höchsten liegt. Ihre Mentalität bindet sie an Welten und Menschen mit ähnlicher Mentalität. Für sie ist die Geburt auf einer Welt wie die Erde ein Segen, da sie hier mit Menschen in Kontakt kommen können, die ihnen Wissen über das Wesen des Atman und des höchsten Atman (Vishnu) vermitteln. 

Asura-Eigenschaften

Im sechzehnten Kapitel der Bhagavad-Gita werden einander zwei Wesensarten gegenübergestellt, deren Eigenschaften zu unterschiedlichen Bestimmungen führen: die heilsamen (daivic) und die unheilsamen (asuric) Eigenschaften eines Lebewesens. Die Differenzierung der Eigenschaften, auf die hier hingewiesen wird, erweist sich als notwendig für jedes Lebewesens, das sich danach sehnt, in seinem Leben einen Reifeprozess zu durchlaufen. Das heißt, sein reines transzendentes Bewusstsein zu erwecken. Denn nicht jede Eigenschaft erweist sich als hilfreich in der Entwicklung von Selbst- und Gotteserkenntnis. Um deshalb einen bestimmten Weg einzuschlagen, gibt es hilfreiche und störende Voraussetzungen. 

Die Bhagavad-Gita geht ausführlich auf die Charaktereigenschaften der Asuras ein: 

„Wer mit Eigenschaften wie Stolz, Selbstgefälligkeit, Zorn, Grobheit und Unwissenheit geboren wird, zählt zu den Asuras.“ (16.4)
„Sie wissen nicht, was getan werden muss und was nicht getan werden darf. In ihnen ist weder  innere geistige Sauberkeit (saucam), richtiges Verhalten, noch Wahrheit zu finden.“ (16.7) *
* Ein Asura erklärt die Welt oder das Universum immer getrennt von Gott und seinen Kräften (wie die Cit-Shakti, Tata-stha-Shakti oder Maya-Shakti), das gilt als Unwissenheit und Unwahrheit, da die reale Grundlage fehlt. Lug und Trug, die sich heutzutage auf allen Ebenen finden lässt, ist ein anschauliches Beispiel dieser Asura-Eigenschaften.
„Sie sagen, die Welt sei unwirklich, ohne Grundlage und ohne Schöpfer, entstanden ohne Ursache. Was soll man noch sagen? Ihre Ursache ist lediglich irgendeine Spekulation, entsprechend jemandes Wünschen.“ (16.8) 
„Indem sie bei solchen Ansichten Zuflucht nehmen, voller Laster, verkommen und unintelligent, beschäftigen sie sich mit gewalttätigen Handlungen. Solche Menschen sind dazu geboren, Zerstörung in die Welt zu bringen.“ (16.9)

Für Asuras ist die Befreiung aus dem Kreislauf der Wiedergeburt sehr schwer. Weil sie durch ihr Handeln immer wieder durch den Mutterleib anderer Asuras geboren werden, fallen sie nach und nach in die dunkelsten Bereiche des Daseins, wie von Krishna in den Versen 16.16-20 dargelegt wird.

Es scheint fast, als ob Krishna sich von jenen „Schlimmsten der Menschheit“ abwenden, ja, ihr Schicksal auf ewig besiegeln würde. Doch dies ist nicht der Fall. Vielmehr zeigt er die Bestimmung eines Lebewesens auf, das unter dem Einfluss seines eigenen Tuns immer weiter gebunden wird und schließlich in einem Netz von Illusionen gefangen, in (selbstverursachte) höllische Umstände verstrickt wird. Es ist das eigene Tun, die daraus erwachsenden Reaktionen, die eigenen Wünsche und Triebe, die zu diesem stetigen Fallen oder sich Verstricken führen.

„Es gibt drei Tore, die zu diesem höllischen Dasein führen. Es ist Lust (kama)*, Zorn (krodha) und Gier (lobha). Diese drei Dinge sollte man aufgeben, denn sie führen zur Erniedrigung des Selbst (Atman).“ (16.21)
* „Kama“ meint nicht bloß sexuelle Lust, was oft in den Vordergrund gestellt wird. Vielmehr ist es jegliche Form des Begehren und Genießen-Wollen, das den egozentrischen Genuss der eigenen Sinne über das Wohl anderer fühlender Wesen stellt. Z. B. die Lust, das Fleisch toter Tiere zu „genießen“ und die Qual und das Elend dahinter zu ignorieren. Die Lust andere für den eigenen Vorteil zu betrügen oder zu belügen, usw.

„Jene, die frei sind von diesen drei Toren, welche in die Dunkelheit führen, handeln im besten Interesse des Selbst. Und so erreichen sie letztlich das höchste Ziel.“ (16.22)

Nicht die Wertung steht hier im Vordergrund, sondern die Unterscheidung. Es sind Eigenschaften, die in jedem Lebewesen in einem unterschiedlichen Mischverhältnis vorhanden sein können, oder wie es im Mahabharata ausgedrückt wird: Nichts (im Kosmos) ist vollständig gut oder vollständig böse (natyantam gunavati kincin natyantam dosavat tatha).