Bhagavatam

Bhagavatam (Bhāgavatam), das Bhagavat-Purana, auch Shrimad Bhagavatam genannt. Es besteht aus 12 Skandhas (Cantos, Bücher) mit insgesamt 18’000 Shlokas oder Versen. Der Autor, Vyasadeva, bezeichnet es als die reife Frucht am Baum des Wissens (Veda).

Der Vaishnava-Gelehrte Srila Bhaktivinoda Thakura veröffentlichte 1869 zum ersten Mal in englischer Sprache eine Vorlesung über die Theologie, Philosophie und Ethik des Bhagavatam.
Es folgen ein paar, teils gekürzte, Auszüge aus seinem Buch namens…

Das Bhagavatam

Seine Theologie, Philosophie und Ethik

Von Bhaktivinoda Thakura

(Link zum Original in Englisch auf Bhakti-Yoga.ch)

Soweit wir sehen, wird kein Gegner des Vaishnavatums irgendetwas Schönes am Bhagavatam finden. Der wahre Kritiker ist ein großmütiger Richter, frei von jeglicher Voreingenommenheit und Parteilichkeit. Jemand, der aus tiefstem Herzen ein Anhänger von Mohammed ist, wird sicherlich die Lehren des Neuen Testaments als Fälschung eines gefallenen Engels empfinden. Andererseits wird ein trinitarischer Christ die Gebote Mohammeds als die eines ehrgeizigen Reformators verurteilen. Der Grund dafür liegt schlicht darin, dass der Kritiker die gleiche Geisteshaltung besitzen sollte wie der Autor, dessen Verdienste er beurteilen soll. Gedanken gehen verschiedene Wege. Jemand, der in der Denkweise der Unitariergemeinde oder in der Denkweise des Vedanta der Benares-Schule erzogen wurde, wird im Glauben der Vaishnavas nur schwerlich Frömmigkeit entdecken. Ein unwissender Vaishnava wiederum, der im Namen Nityanandas von Tür zu Tür betteln geht, wird die Christen nicht für fromm halten. Das kommt daher, weil der Vaishnava die Religion des Christen nicht mit den gleichen Augen sieht wie der Christ selbst. Es kann sogar sein, dass beide, der Christ und der Vaishnava, das gleiche Gefühl äußern, aber sie werden den Kampf gegeneinander niemals aufgeben, nur weil sie auf verschiedenen gedanklichen Wegen zur gleichen Schlussfolgerung gelangt sind. So kommt es dann dazu, dass sehr viel Kleinlichkeit in die Argumente der frommen Christen hineinkommt, wenn sie ihre eigenen unvollkommenen Ansichten über die Religion der Vaishnavas zum Ausdruck bringen.

Philosophische und theologische Themen sind wie die Gipfel eines ausgedehnten, hochaufragenden und unzugänglichen Gebirges mitten auf unserem Planeten, die die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und zur wissenschaftlichen Erforschung einladen. Große Denker und Menschen von tiefgehender Betrachtungsweise machen ihre Beobachtungen mit Hilfe von Wissen und Vernunft. Aber wenn sie ihre Arbeit weiterführen, nehmen sie verschiedene Standpunkte ein. Diese Standpunkte sind Positionen, die durch die Umstände ihres sozialen und philosophischen Lebens vorgezeichnet sind, und sie sind auch deshalb verschieden, weil sie sich in verschiedenen Teilen dieser Welt befinden. Plato blickte von Westen her auf diesen Gipfel der spirituellen Frage, Vyasa machte seine Beobachtungen von Osten aus. Konfuzius befand sich noch weiter im Osten und Schlegel, Spinoza, Kant und Goethe noch weiter im Westen. Alle diese Beobachtungen wurden zu verschiedenen Zeiten und auf verschiedene Weise gemacht, aber die Schlussfolgerungen sind insoweit völlig gleich, als das Objekt der Beobachtung das gleiche war. Sie alle waren auf der Suche nach dem Großen Geist, der Absoluten Seele des Universums. Sie mussten zwangsläufig Einsichten darüber gewinnen. Ihre Worte und Ausdrücke sind verschieden, aber deren Bedeutung ist die gleiche. Sie versuchten, die absolute Religion zu finden, und ihre Anstrengungen waren von Erfolg gekrönt, da Gott seinen Kindern alles schenkt, was er hat, wenn sie es nur haben wollen. Man braucht ein offenes, großmütiges, frommes und tugendhaftes Herz, um die Schönheiten zu erspüren, die in ihren Schlussfolgerungen stecken.

Parteilichkeit – Der große Feind der Wahrheit

Parteilichkeit — dieser große Feind der Wahrheit — wird immer den Fragesteller verwirren, der die Wahrheit in den religiösen Schriften seiner Nation sucht, und ihn glauben machen, dass die absolute Wahrheit einzig und allein in seinen alten religiösen Schriften zu finden ist. Welch besseres Beispiel könnte man hier anführen als die Tatsache, dass für den großen Philosophen von Benares weder in der universellen brüderlichen Gemeinschaft aller Menschen noch in der gemeinsamen Vaterschaft Gottes die Wahrheit zu finden ist? Der Philosoph, der einzig auf seine Art und Weise denkt, kann niemals die Schönheit des christlichen Glaubens sehen. Die Vorstellungen Christi in Bezug auf seinen eigenen Vater waren von absoluter Liebe erfüllt, und solange der Philosoph nicht lernt, so zu denken, wird er immer den absoluten Glauben entbehren müssen, wie ihn der westliche Erlöser predigte. In ähnlicher Weise muss der Christ den Gedankengang annehmen, den der Nachfolger der vedischen Lehre eingeschlagen hat, bevor er die Schlussfolgerungen des Philosophen lieben kann. Der Kritiker sollte deshalb eine verständnisvolle, gutherzige, großzügige, aufrichtige, unparteiische und einfühlsame Seele besitzen.

Das Bhagavatam selbst sagt uns, was es ist:

„Es ist die Frucht vom Baum des Wissens (Veda), vermischt mit dem Nektar der Unterweisung von Sukadeva. Es ist der Tempel spiritueller Liebe! Oh, ihr Gläubigen! Trinkt immer wieder in tiefen Zügen von diesem Nektar des Bhagavatam, bis ihr endlich diese sterbliche Hülle verlassen dürft.“
(Bhagavatam 1.1.3)

Und auch das Garuda Purana stellt fest:

„Das Bhagavatam besteht aus 18’000 Versen. Es enthält die besten Teile der Veden und des Vedanta.1 Wer je von seinem süßen Nektar gekostet hat, der wird nie wieder die Lust verspüren, ein anderes religiöses Buch zu lesen.“2

1  Vedanta im Sinne von: die endgültige Schlussfolgerung oder das endgültige Ziel von Wissen. Diese ursprüngliche Definition deutet klar auf den persönlichen Aspekt (Krishna, Vishnu), so wie es das gesamte Bhagavatam tut. Dieses endgültige Ziel wurde später von Shankaracharya aus ganz bestimmten Gründen monistisch ausgelegt.
2 Für den westlichen Leser ist es sicherlich wichtig zu verstehen, dass sich dieser Vers aus dem Garuda-Purana auf andere vedantische Schriften bezieht (sarva-vedanta-saram).

Jeder aufmerksame Leser wird diese Lobpreisungen sicherlich wiederholen. Das Bhagavatam ist das Buch der Bücher. Fang nur einmal damit an und du wirst, in was für einem Zustand du dich auch immer befinden magst, in die spirituelle Welt versetzt, wo es die grobstoffliche Materie nicht gibt. Der wirkliche Jünger des Bhagavatam ist ein spiritueller Mensch, der seine zeitweilige Verbindung mit der Welt der Erscheinungen bereits durchtrennt hat und der zu einem Bewohner der Region geworden ist, in der Gottes Sein und Liebe ewig sind.

Dieses mächtige Werk ist auf Inspiration gegründet; darüber wölbt sich tiefe Betrachtung. Für den gewöhnlichen Leser besitzt es keinen Reiz und ist voller Schwierigkeiten. Deshalb sind wir gezwungen, es mit Hilfe von so großartigen Kommentatoren wie Shridhara Swami3 und dem göttlichen Chaitanya und seinen Anhängern gründlich zu studieren.

3 Sridhara Swami (14. Jahrhundert). Seine Kommentare zum Bhagavatam wurden und werden noch heute hochgeschätzt. 

Vier Verse als Grundlage des Bhagavatam

Nun erzählt uns der große Prediger von Nadia, dass das Bhagavatam auf den vier Versen beruht, die Vyasa von Narada, dem gelehrtesten unter allen geschaffenen Lebewesen, erhalten hatte. Er erzählt uns weiter, dass Brahma, auf der Suche nach der letztendlichen Ursache der Welt, danach trachtete, das gesamte materielle Universum zu ergründen. Und als es ihm nicht gelang, diese Ursache außerhalb von sich selbst zu finden, da ging er in sich und betrachtete die Beschaffenheit seiner eigenen spirituellen Natur. Dort hörte er die Überseele (Paramatma), die zu ihm die folgenden Worte sprach:

„Höre, o Brahma! Ich gebe dir das Wissen von meinem eigenen Selbst und von meinen Beziehungen und Erscheinungsweisen, die bereits für sich allein genommen schwierig zu begreifen sind. Du bist ein geschaffenes Wesen. Deshalb ist es nicht leicht für dich, das anzuerkennen, was ich dich lehren will. Doch will ich dir auch die Kraft der Erkenntnis schenken, damit du mit deinem unvollkommenen Wissen mein Wesen, meine Absichten, meine Gestalt, meine Fähigkeit, mein Handeln und ihre verschiedenartigen Beziehungen untereinander verstehen kannst. Am Anfang war ich, lange bevor alle spirituellen und alle irdischen Dinge erschaffen waren. Und jetzt, da sie erschaffen sind, bin ich in jedem von ihnen und verleihe ihnen dadurch Sein und Wirklichkeit. Und wenn sie alle wieder vergangen sind, werde ich in all meiner Fülle bleiben, was ich war und was ich bin. Alles was wahr zu sein scheint, ohne aus sich selbst heraus wirklich zu sein, und alles was nicht wahrgenommen werden kann, obwohl es an sich wahr ist, all das gehört zu meiner trügerischen Schöpfungsenergie, wie zum Beispiel das Licht und die Dunkelheit in der materiellen Welt.“

Es ist schwierig, das oben Gesagte in wenigen Worten zu erklären. Man muss das gesamte Bhagavatam selbst lesen, um die Erklärung zu finden. Nachdem der große Vyasa es vollbracht hatte, die 4 Veden und die Upanishaden zusammenzustellen, die 18 Puranas durch Tatsachen zu vervollständigen, die er aus einer jahrhundertealten schriftlichen und mündlichen Überlieferung zusammengetragen hatte, den Vedanta und auch das große Mahabharata, ein episches Gedicht von großer Berühmtheit, zu verfassen, da begann er über seine eigenen Theorien und Unterweisungen zu grübeln und fand, wie Goethes Faust, dass er bis zu diesem Zeitpunkt keine wirkliche Wahrheit gefunden hatte. Er versenkte sich in sein eigenes Selbst und suchte nach seinem eigenen spirituellen Wesen, und da geschah es, dass ihm die oben erwähnte Wahrheit zu seinem eigenen Heil und zum Heil der ganzen Welt mitgeteilt wurde. Der Weise erkannte sogleich, dass seine bisherigen Werke einer Überarbeitung insoweit bedurften, als sie nicht die ganze Wahrheit und nichts außer der Wahrheit enthielten. Seine neue Vorstellung stellte die Weiterentwicklung seiner früheren Vorstellung von Religion dar. Um dieser Wandlung Ausdruck zu verleihen, begann er mit dem Bhagavatam. Von dieser Tatsache ausgehend sollten unsere Leser eigentlich den Stellenwert erkennen, den das Bhagavatam in der theologischen Literatur der Hindus genießt.

Die Gesamtheit dieses unvergleichlichen Werkes lehrt uns, wie einst unser großer Chaitanya, die drei großen Wahrheiten, die die absolute Religion der Menschen ausmachen. Unser Prediger aus Nadia nennt sie Sambandha, Abhidheya und Prayojana, das heißt die Beziehung zwischen dem Schöpfer und dem, was erschaffen ist, die Pflicht des Menschen gegenüber Gott und das Ziel der menschlichen Entwicklung. Diese drei Worte enthalten den ganzen Ozean des menschlichen Wissens, soweit er bis zu dieser Epoche des menschlichen Fortschritts erforscht worden ist. Sie stellen die kardinalen Eckpfeiler der Religion dar, und das ganze Bhagavatam ist, wie es uns von Chaitanya gelehrt wurde, eine Erklärung dieser drei wesentlichen Punkte sowohl durch Unterweisungen wie auch durch Beispiele.

Sambandha

Das Bhagavatam lehrt uns in allen zwölf Abschnitten (Skandhas), dass es nur einen Gott gibt, ohne einen Zweiten, der in sich selbst vollkommen war und ist und der immerdar derselbe bleiben wird. Zeit und Raum, die all den Dingen, die erschaffen sind, ihre Lebensbedingungen vorschreiben, befinden sich weit unter seiner höchsten spirituellen Natur, die nicht bedingt, sondern absolut ist. Alles, was erschaffen ist, ist dem Einfluss von Zeit und Raum unterworfen, die die Hauptbestandteile des Schöpfungsprinzips sind, das den Namen Maya trägt. Maya ist etwas, das wir, die wir ihr unterworfen sind, nicht leicht verstehen können, aber Gott erklärt uns dieses Prinzip mittels unserer spirituellen Wahrnehmung, soweit wir es in unserem gegenwärtigen Zustand überhaupt verstehen können.

Im Geiste Gottes wurzeln die Grundmuster von all dem, was wir während unserer immerwährenden Gemeinschaft mit ihm erfahren, da Gott sonst das Attribut des Allwissenden verlieren müsste, das wir auf so gelehrte Weise auf ihn anwenden. Auch der unvollkommene Teil der Natur, der Bedürfnisse in sich birgt, entsprang aus eben diesen Grundprinzipien. Und was, außer einem Prinzip wie dem der Maya, die ewig in Gott existiert und seiner Allmacht untersteht, könnte bei der Erschaffung der Welt, wie sie ist, ihre Hand im Spiele haben? Das bezeichnet man als die Maya-Shakti des allgegenwärtigen Gottes. Ihr könnt daran herumnörgeln, soviel ihr wollt. Das ist eine Wahrheit, die das gesamte erschaffene Universum betrifft.

Diese Maya steht so lange zwischen uns und Gott, wie wir nicht spirituell sind,4 und wenn wir fähig sind, ihre Fesseln zu sprengen, lernen wir, sogar in dieser sterblichen Hülle, als spirituelle Wesen mit dem Unbedingten und dem Absoluten in Verbindung zu treten. Nein, Maya bedeutet nicht nur etwas Falsches, sondern es bedeutet auch eine Verschleierung der ewigen Wahrheit. Die Schöpfung ist nicht Maya (im Sinne von Illusion). Doch das Prinzip der Verschleierung gaukelt dem Atman vor, er sei ein Produkt der Maya und lässt ihn seine ewige Natur vergessen. Gewiss ist das eine idealistische Theorie, aber sie ist durch falsche Erklärungen zur Torheit herabgewürdigt worden. Der Materialist lacht über eine vollkommene Theorie und sagt:

„Wie könnte dieser Körper aus Wasser, Luft und Erde bloße Vorstellung sein, ohne wirkliche Wesenhaftigkeit zu besitzen?“

Und er lacht zu Recht, wenn er zu Shankaracharyas Buch greift, als dickes Ende seines Spotts. Der wahre Idealist muss auch ein Dualist sein. Er muss darauf vertrauen, dass all das, was er als Natur wahrnehmen kann, von Gott voller spiritueller Substanz und innerer spiritueller Beziehungen geschaffen wurde, aber er sollte nicht denken, dass die äußere, sich fortlaufend verändernde Erscheinung, die eigentliche Wirklichkeit ist.

Das Bhagavatam lehrt uns, dass alles, was wir bei geistiger Gesundheit wahrnehmen, wirklich, aber die materielle Erscheinung davon vergänglich und trügerisch ist. Das üble an dieser idealen Theorie besteht in ihrer Tendenz, die Natur für falsch zu erklären, aber die Idee, wie sie im Bhagavatam erklärt ist, macht die Natur zu etwas Wirklichem, wenn auch nicht in der ewigen Weise, wie Gott und seine Vorstellungen wirklich sind. Welcher Schaden könnte schon entstehen, wenn der Mensch an die Natur als eine spirituelle Wirklichkeit glaubt und auch daran, dass die körperlichen Beziehungen und die Entwicklungsstufen der Gesellschaft ihrem innersten Wesen nach rein spirituell sind!

Nein, es handelt sich hier nicht einfach nur um eine Auswechslung der Begriffe, sondern es geht um einen Wandel der Natur selbst. Die Natur ist auf ewig spirituell, aber der Einfluss von Maya macht sie grobstofflich und materiell. Im Zuge seiner Entwicklung versucht der Mensch diese grobschlächtige Idee abzuschütteln, die ihrem Wesen nach kindisch und töricht ist, und lebt dann, wenn er das störende Prinzip der Maya bezwingt, mit seinem eigentlichen spirituellen Wesen in ständiger Gemeinschaft mit Gott. Im Abschütteln dieser Fessel liegt die eigentliche Erlösung der menschlichen Natur.

Das Bhagavatam lehrt uns diese Beziehung zwischen Mensch und Gott, und wir alle müssen dieses Wissen erlangen. Diese erhabene Wahrheit ist der Punkt, an dem sich der Materialist und der Idealist treffen müssen, als kämen sie aus der gleichen Schule, und das ist der Punkt, auf den jegliche Philosophie hinausläuft. Das heißt im Bhagavatam Sambandha-Jnana, das Wissen um die wahre Beziehung zwischen dem Bedingten und dem Absoluten.

4 Damit ist nicht unsere ewige und unveränderliche Natur als Atman angesprochen, sondern unsere innere Haltung und geistige Ausrichtung.

Das zweite große Prinzip – Abhideya

Jetzt müssen wir versuchen, das zweite große Prinzip zu erklären, das uns durch das Bhagavatam ans Herz gelegt wird, und das ist das Prinzip der Pflichterfüllung. Der Mensch muss auf geistige Weise Gott verehren. Dabei kann der Schöpfer auf dreierlei Weise von seinen Geschöpfen verehrt werden.

Alle Theologen stimmen darin überein, dass es nur einen Gott gibt, ohne einen Zweiten. Aber entsprechend ihrer unterschiedlichen Denkweise und den verschiedenen Arten der Verehrung, die sie angenommen haben, sind sie sich uneins, wenn es darum geht, diesem Gott einen Namen zu geben. Einige nennen ihn das Brahman, andere bezeichnen ihn als Paramatma und wieder andere geben ihm den Namen Bhagavan. Diejenigen, die Gott in einer unendlichen Größe nach dem Grundsatz der Verehrung anbeten, nennen ihn das Brahman. Diese Art der Verehrung nennt man Jnana oder [Anm.: theoretisches] Wissen. Diejenigen, die Gott als die Überseele verehren, im Bewusstsein der spirituellen Vereinigung mit ihm, nennen Ihn Paramatman. Das nennt man Yoga. Diejenigen, die Gott als das „Ein und Alles“ verehren, aus ganzem Herzen, mit ihrem ganzen Körper und mit all ihrer Kraft, die bezeichnen ihn als Bhagavan. Dieses letzte Prinzip ist Bhakti. Das Buch, das die Beziehung zu Bhagavan und seine Verehrung beschreibt, nennt sich selbst das Bhagavatam, und auch der Gläubige trägt den gleichen Namen.

Das Bhagavatam ist zweifellos das Buch für alle Arten von Theisten. Wenn wir Gott als das „Ein und Alles“ spirituell verehren, mit dem Herzen, dem Geist und unserer ganzen Kraft, dann sind wir alle Bhagavatas und wir führen ein spirituelles Leben, wie es weder der Verehrer des Brahmans erreichen kann noch der Yogi, der sich selbst [Anm. durch sein Erkennen des Paramatman] mit dem Paramatman, der Überseele, vereint.
[Anm.: Dieses Eingehen bedeutet, dass der betreffende Atman wieder Teil der mittleren Energie wird, wo er in passivem Zustand, ohne spirituelle Form, vigraha, sein eigenes spirituelles Wesen, sat-cit-ananda, Sein-Wissen-Glückseligkeit, als winziger Lichtfunke des Höchsten unmittelbar erlebt.]

Bhagavan steht auf der höchsten Stufe, weil er alle Arten persönlicher Gottesverehrung zu einem einzigen herausragenden Prinzip der menschlichen Natur vereinigt das man Bhakti nennt [Anm.: Bhakti ist die dem Atman innewohnende Kraft der Liebe zu Gott]. Dieses Wort findet in der deutschen Sprache keine Entsprechung. Frömmigkeit, Demut, Verzicht und spirituelle Liebe, die durch keinerlei persönliche Bitte verfälscht ist, außer durch die Bitte um die Fähigkeit zur Reue, gehören alle zu diesem höchsten Prinzip der Bhakti. Das Bhagavatam rät uns, Gott auf diese großartige und unschätzbare Art und Weise zu verehren, die dem menschlichen Wissen und dem Prinzip des Yoga [Anm.: im Sinne eines Eingehens/Verschmelzens mit Gott] so unendlich überlegen ist.
Die Kürze der Ausführungen gestattet uns keine Erklärung der grundlegenden Prinzipien dieser Bhakti, welche leicht ein großes Buch füllen würde. Es genügt zu sagen, dass die Bhakti im Lauf ihrer Entwicklung fünf verschiedene Stufen durchläuft, beginnend mit Shanta-rasa bis hin zu ihrer höchsten und reinsten Form der Liebe (Prema), Madhurya-rasa, wo Gott allein der Bräutigam des Selbst ist.

Um diese spirituelle Darstellung dem Schüler, der versucht sie in sich aufzunehmen, auf einprägsame Weise zu vermitteln, sind Vergleiche mit der materiellen Welt gezogen worden, die den Unwissenden und den Theoretiker ganz sicher überzeugen. Materielle Beispiele sind zur Erklärung von spirituellen Vorstellungen unbedingt notwendig. Das Bhagavatam glaubt, dass das Geistige in der Natur ihre einzige Wahrheit darstellt und der einzig wirkliche Teil von ihr ist.
Die phänomenale Erscheinungsweise der Natur ist in Wahrheit theoretisch, obwohl sie seit den Tagen unserer Kindheit unseren Glauben am stärksten geprägt hat. Diese äußere Erscheinungsweise der Natur ist nicht mehr als ein sicheres Anzeichen für ihr spirituelles Wesen. Deshalb sind Vergleiche so wichtig. Die Natur muss, so wie sie vor unseren Augen erscheint, den Geist zum Ausdruck bringen, oder die Wahrheit wird auf immer verborgen bleiben, und der Mensch wird niemals seiner Kindheit entwachsen, obwohl sein Bart bereits weiß sein mag, wie der Schnee des Himalayas. Die gesamte Geistes- und Moralphilosophie lässt sich anhand der Materie selbst erklären. Emerson zeigt sehr schön, wie all die Begriffe der Moralphilosophie ursprünglich von den Namen materieller Objekte herrühren. Die Worte Gehör, Kopf, Geist, Gedanke, Mut und Tapferkeit waren ursprünglich allgemein gebräuchliche Namen gewisser entsprechender Objekte in der materiellen Welt. Und alle spirituellen Vorstellungen sind in ähnlicher Weise Abbilder der materiellen Welt. Denn Materie ist sozusagen das Wörterbuch des Geistes und materielle Bilder sind nichts anderes als die Schatten spiritueller Dinge, die unser materielles Auge zwar zunächst als Materie wahrnimmt, aber dann wieder unserer eigentlichen spirituellen Wahrnehmung zugänglich macht. Nicht was das Auge wahrnimmt, ist wirklich — wirklich ist nur das geistige Prinzip, das darin zum Ausdruck kommt.
Gott hat in seiner unendlichen Güte und Freundlichkeit diese nie versagende Verbindung zwischen der Wahrheit und den Schatten begründet, um uns die ewige Wahrheit, die er für uns bereithält, tief einzuprägen. Die Uhr zeigt uns die Zeit, das Alphabet weist auf das gesammelte Wissen hin, der wundervolle Klang eines Harmoniums gibt uns eine Vorstellung von der ewigen Harmonie in der spirituellen Welt. Die Vorstellung des Heute, Morgen und Übermorgen lässt uns auf den unvorstellbaren Begriff der Ewigkeit stoßen, und in ähnlicher Weise prägen materielle Bilder unserem spirituellen Wesen wahrhaft spirituelle Vorstellungen von Religion ein. Aus diesen vernünftigen Gründen hat Vyasa sich die Methode zu eigen gemacht, die Art unserer geistigen Verehrung mit Hilfe gewisser materieller Phänomene zu erklären, die der spirituellen Wirklichkeit entsprechen. Unsere Aufgabe besteht hier nicht darin, in Einzelheiten zu gehen, deshalb ist es uns nicht möglich, in dieser kurzen Abhandlung einige dieser Beispiele anzuführen.

Der elfte Band des Bhagavatam behandelt den praktischen Teil dieser Angelegenheit. Alle Methoden, durch die ein Mensch sich selbst schulen kann, bis zur Stufe der Prema-Bhakti zu gelangen, wie sie vorhin beschrieben wurde, werden dort ganz ausführlich dargelegt. Zuallererst wird uns geraten, uns im Hinblick auf die Beziehungen zu unseren Mitmenschen in ganz dankbare Diener Gottes zu verwandeln. Über unser eigentliches Wesen wird gesagt, dass es drei verschiedene Aspekte in sich birgt, die in all unserem Tun in der Welt zum Ausdruck kommen. Diese Aspekte heißen Sattva, Raja und Tama.

Die eheliche Liebe, die zuerst entwickelt wurde, muss nun geläutert werden und zu einer heiligen, reinen und spirituellen Liebe werden, das heißt zu einer Liebe von Seele zu Seele. Sinnvolle Arbeit wird dann gewandelt werden in Arbeit, die mit Liebe getan wird und nicht mit Widerwillen oder aus Verpflichtung. Enthaltsamkeit von gottlosen Handlungen wird den Anschein des Negativen verlieren und in positives gutes Tun umgewandelt werden. Dann werden wir alle Lebewesen im gleichen Licht sehen, in dem wir uns selbst sehen, das heißt, wir müssen unsere Selbstsucht verwandeln in die größtmögliche uneigennützige Handlungsweise gegenüber allem, was uns umgibt. Liebe, Barmherzigkeit, Wohltätigkeit und Hingabe zu Gott wird unser einziges Ziel sein. Dann werden wir Diener Gottes, indem wir seine hohen und heiligen Wünsche [einer Beziehung zu uns, von Herzen] annehmen. Hier fangen wir an, Bhaktas (Gottgeweihte) zu sein, und sind für eine weitere Entwicklung unseres spirituellen Wesens empfänglich.
All das umfasst der Begriff Abhideya, der zweite wesentliche Punkt im Bhagavatam, diesem herausragenden religiösen Werk. Damit haben wir die zwei wesentlichen Kernpunkte unserer Religion vor uns, mehr oder weniger in den Begriffen und Gedankengängen erklärt, die von unserem Erlöser offenbart wurden, der bis zu Anfang des 16. Jahrhunderts in der wunderschönen Stadt Nadia gelebt hat, die an den Ufern der Bhagirathi liegt.

Der letzte wesentliche Kernpunkt – Prayojana

Jetzt müssen wir zum letzten wesentlichen Kernpunkt übergehen, der von jenem großen Reformator Prayojana oder Zielvorstellung genannt wurde. Was ist das Ziel unserer spirituellen Entwicklung, unserer Hingabe und unserer Verbindung mit Gott? Das Bhagavatam sagt uns, dass dieses Ziel weder Genuss noch Leiden ist, sondern beständiger Fortschritt spiritueller Heiligkeit und Harmonie. (Durchdrungen und getragen von der Liebe zu Gott.)
In den gebräuchlichen Büchern der Hindureligion, in denen die Raja- und Tama-Guna als die Methoden der Religion beschrieben worden sind, finden wir Beschreibungen eines örtlich bestimmten Himmels und einer örtlich bestimmten Hölle; der Himmel so schön wie nur irgendetwas auf Erden und die Hölle so entsetzlich wie jede nur erdenkliche Vorstellung des Bösen. [Anm.: Mehr dazu unter dem Begriff Asura.] Außer diesem Himmel finden wir noch viele andere Orte, wohin die guten Seelen zur Belohnung geschickt werden. Die Hölle selbst ist in vierundachtzig Bereiche gegliedert, von denen einige noch grauenvoller sind als die eine, die Milton in seinem „Paradise Lost“ beschrieben hat. Diese Darstellungen sind sicherlich Dichtung und ursprünglich von den Herrschern verschiedener Länder geschaffen worden, um die bösen Taten unwissender Menschen einzudämmen, die nicht fähig sind, die Schlussfolgerungen der Philosophie zu verstehen. Die Religion des Bhagavatam ist von solcher Dichtung frei.
Zwar finden wir in einigen Kapiteln Beschreibungen dieser Himmel und Höllen und Aufzeichnungen sonderbarer Geschichten. Aber wir sind an einigen Stellen in diesem Buch ermahnt worden, diese nicht als wirkliche Tatsachen aufzufassen, sondern als Erfindungen, um die Gottlosen einzuschüchtern und die Leichtgläubigen und Unwissenden zu bessern. Gewiss berichtet uns das Bhagavatam von einem zukünftigen Zustand, in dem uns entsprechend den Handlungen in unserem gegenwärtigen Leben Belohnung oder Strafe verständlich waren. [Anm.: Eine ausführliche Betrachtung liefert der Begriff Karma.]
Jenseits dieser spirituellen Tatsache wird von allen poetischen Beschreibungen gesagt, dass sie anderen Werken entstammen, um auf diese Weise alte Traditionen zu erhalten, wodurch diese anderen Bücher überflüssig wurden und es keinen Grund mehr gab, sie aufzubewahren. Würde der gesamte Bestand der hinduistischen theologischen Literatur, die dem Bhagavatam vorausgegangen ist, verbrennen, wie die Bibliothek von Alexandria, und allein das heilige Bhagavatam in seinem jetzigen Zustand erhalten bliebe, würde nichts von der hinduistischen Philosophie verloren gehen, außer die der atheistischen Sekten. Deshalb kann man das Bhagavatam sowohl als ein religiöses Werk als auch als ein Handbuch der gesamten hinduistischen Geschichte und Philosophie bezeichnen.

Das Bhagavatam erlaubt seinen Anhängern nicht, Gott um irgendetwas anderes zu bitten als um die ewige Liebe zu ihm. Das weltliche Königreich, die Schönheit der himmlischen Planeten und auch die Herrschaft über die materielle Welt sind niemals Gegenstand eines Vaishnava-Gebetes. Der Vaishnava, das demütigste aller Geschöpfe, ist frei von jedem persönlichen Wunsch. Er möchte Gott nach seinem Tod spirituell dienen, wie er es schon zu Lebzeiten mit Leib und Seele* tat. Er ist von geistiger Lebensart, und sein höchstes Lebensziel ist die göttliche und heilige Liebe.
* Hier wird der Begriff Seele im Sinne des Feinstofflichen verwendet.

Das Bhagavatam hat eine persönliche, allwissende, aktive, absolut freie, heilige, gute, allmächtige, allgegenwärtige, gerechte und barmherzige und höchste spirituelle Gottheit, ohne einen Zweiten, der all das, was im Universum existiert, erschafft und erhält. Das höchste Ziel des Vaishnavas ist es, diesem unendlichen Wesen immer in spiritueller Weise und in absoluter Liebe zu dienen.

Dieses sind die obersten Grundsätze der Religion, die uns von diesem Werk, das man Bhagavatam nennt, ans Herz gelegt werden, und Vyasa versuchte in seiner großen Weisheit sein Bestes, um uns all diese Prinzipien mit Bildern aus der materiellen Welt zu erklären. Der seichte Kritiker jedoch weist diesen großen Philosophen kurzerhand als einen Anbeter des Menschlichen zurück. Dieser Kritiker sollte zunächst einmal die Seiten des Bhagavatam eingehend studieren und dann wird er – davon sind wir überzeugt – wahre Lobeshymnen auf das Oberhaupt der vedischen Schule in Badrikashrama anstimmen, die vor etwa 4000 Jahren bestand. Die Einstellung des seichten Kritikers wird sich zweifellos ändern, wenn er nur über einen wichtigen Punkt nachdenkt: wie sollte es möglich sein, dass ein Spiritualist – das heißt, jemand, der die unmittelbare geistige Verbindung des Menschen mit Gott betont – aus der Schule von Vyasa, die Menschen glauben machen wollte, dass die wollüstige Verbindung zwischen einem Mann und gewissen Frauen das höchste Ziel der Verehrung sei! Das, mein lieber Kritiker, ist unmöglich! Vyasa könnte den einfachen Vairagi (Asketen) nie gelehrt haben, einen Akhra (einen Platz der Verehrung) zusammen mit einer Anzahl von Frauen zu errichten! Vyasa, der uns im ganzen Bhagavatam wiederholt darauf hingewiesen hat, dass die Sinnesfreuden so zeitweilig sind, wie der Genuss, eine juckende Hand zu kratzen. Der betont, dass es des Menschen höchste Pflicht sei, spirituelle Liebe zu Gott zu entwickeln. Er könnte niemals die Verehrung wollüstiger Sinnesfreuden vorgeschrieben oder empfohlen haben. Seine Darstellungen sind spirituell, und du darfst sie nicht mit Materie verbinden. Lieber Kritiker, wenn du diesen Ratschlag beherzigst und das Bhagavatam liest, dann zweifle ich nicht, dass du innerhalb von drei Monaten weinen und dich reuevoll an Gott wenden wirst, weil du diese Offenbarung des Herzens und des Geistes des großen Badarayana verschmäht hast.
Ja, du weist uns edelmütig darauf hin, dass dergleichen philosophische Vergleiche den Unwissenden und den Gedankenlosen kränken. Du weist uns edelmütig auf die unmoralischen Taten der gewöhnlichen Vairagis hin, die sich selbst „Nachfolger des Bhagavatam und des großen Chaitanya“ nennen. Voller Großmut sagst du uns, dass Vyasa in zukünftigen Zeiten viele Tausende von Menschen in Schwierigkeiten bringen kann, solange seine Aussagen nicht in der rechten Weise erläutert werden. Aber mein lieber Kritiker! Studiere die Geschichte der Zeitalter und der Länder! Wo gab es einen Philosophen oder Reformator, der von den Menschen völlig verstanden wurde? Die allgemein verbreitete Religion basiert auf der Furcht vor Gott und nicht der reinen spirituellen Liebe, die Plato, Vyasa, Jesus und Chaitanya ihre jeweiligen Völker lehrten! Ob du die absolute Religion in Metaphern oder einfachen Ausdrücken vermittelst, oder ob du sie mit Hilfe von Büchern oder mündlichen Ansprachen lehrst, der Unwissende und der Gedankenlose werden sie immer verderben.

Wenn das Denken erwacht, ist der Denkende nicht mehr unwissend und wird fähig, eine absolute Vorstellung von Religion zu begreifen. Das ist eine Wahrheit und Gott hat sie in seiner unendlichen Güte, Unvoreingenommenheit und Barmherzigkeit so geschaffen. Arbeit findet ihren Lohn, und der Müßiggänger braucht niemals belohnt zu werden. „Je besser die Arbeit, desto größer der Lohn“ ist eine nützliche Wahrheit. Der Gedankenlose muss sich so lange mit Aberglauben zufriedengeben, bis er erwacht und seine Augen auf den Gott der Liebe richtet.

Freiheit und Fortschritt

Zwei weitere Grundsätze kennzeichnen das Bhagavatam, nämlich Freiheit und Fortschritt der Seele in Ewigkeit. Das Bhagavatam lehrt uns, dass Gott uns die Wahrheit schenkt, wie er sie Vyasa gegeben hatte, wenn wir ernsthaft nach ihr suchen. Die Wahrheit ist ewig und unerschöpflich. Die Seele empfängt eine Offenbarung, wenn es sie danach verlangt.
Unsere Shastras, oder in anderen Worten, Bücher mit (tiefgehenden) Gedanken enthalten längst nicht alles, was wir von unserem unendlichen Vater erhalten könnten. Es gibt kein Buch ohne Fehler. Gottes Offenbarung ist die absolute Wahrheit, aber sie wird selten in ihrer natürlichen Reinheit empfangen und bewahrt. Im 14. Kapitel des 11. Buches des Bhagavatam werden wir angewiesen zu glauben, dass Wahrheit, wenn sie offenbart wird, absolut ist. Jedoch nimmt sie im Laufe der Zeit die Färbung desjenigen an, der sie empfängt, und wird durch das Weiterreichen über Zeitalter (oder Zeitepochen) hinweg in einen Irrtum verwandelt. Deswegen sind fortlaufend neue Offenbarungen notwendig, um die Wahrheit in ihrer ursprünglichen Reinheit zu bewahren. Daher werden wir ermahnt, bei unseren Studien der alten Autoren sehr sorgfältig zu verfahren, für wie weise sie auch immer erachtet werden. Hier haben wir die volle Freiheit, die falsche Vorstellung zurückzuweisen, die für unseren Seelenfrieden (wörtlich: peace of conscience = Gewissensfrieden) unannehmbar ist.
Vyasa war nicht mit dem zufrieden, was er in den Veden zusammengetragen, in den Puranas bearbeitet und im Mahabharata verfasst hatte. Der Friede seines Gewissens billigte seine Mühen nicht. Von innen her sprach es zu ihm: „Nein Vyasa! Du kannst dich nicht ausruhen, zufrieden mit dem fehlerhaften Bild der Wahrheit, das dir zwangsläufig von den Weisen längst vergangener Tage vermittelt worden ist! Du musst selbst an die Tür dieser unerschöpflichen Schatzkammer der Wahrheit klopfen, aus der die früheren Zeitalter ihren Reichtum schöpften. Geh, geh bis hin zur Quelle der Wahrheit, dorthin, wo kein Pilger irgendeine Art von Enttäuschung erlebt.“ Vyasa tat es, und er empfing, was er sich wünschte.

Uns allen wird geraten, es ihm gleich zu tun. Freiheit ist daher der Grundsatz, den wir als das wertvollste Geschenk Gottes ansehen müssen. Wir dürfen es uns nicht gestatten, von jenen geleitet zu werden, die vor uns gelebt und gedacht haben. Wir müssen selbständig denken und versuchen, weitere Wahrheiten zu erhalten, die immer noch unentdeckt sind. Im Bhagavatam wird uns geraten, den Geist der Shastras (Schriften) mitzunehmen und nicht die Worte. Das Bhagavatam ist daher eine Religion der Freiheit, der unvermischten Wahrheit und der absoluten Liebe.
Das andere Merkmal ist Fortschritt. Freiheit ist gewiss der Vater allen Fortschritts. Heilige Freiheit ist die Ursache für Fortschritt aufwärts und aufwärts in Ewigkeit und endloser Tätigkeiten der Liebe. Missbrauchte Freiheit verursacht Erniedrigung (degradation), und der Vaishnava muss stets sorgsam mit diesem erhabenen und wundervollen Geschenk Gottes umgehen. Das Bhagavatam beschreibt den Fortschritt als die Erhebung der Seele aus der Natur (die grob- und feinstoffliche Materie) zu Gott, aus Maya zum Absoluten und Unendlichen. Daher sagt das Bhagavatam von sich selbst:

„Es ist die Frucht vom Baum der Erkenntnis, verbunden mit dem Nektar der Rede von Sukadeva. Es ist der Tempel spiritueller Liebe. O, ihr Menschen reinen Herzens! Trinkt immer wieder in tiefen Zügen diesen Nektar des Bhagavatam — bis ihr aus dieser sterblichen Hülle erlöst werdet!“

Und dann fügt der fortgeschrittene Vaishnava (Saragrahi) hinzu:

„Jene Frucht vom Baum der Erkenntnis ist selbstverständlich sowohl aus süßen wie auch aus gegenteiligen Elementen zusammengesetzt. O, ihr Edlen unter den Menschen! Trinkt diese süßen grundsätzlichen Wahrheiten wie die Biene den Honig von der Blume und weist alles andere zurück.“

Das Bhagavatam ist ohne Zweifel ein schwieriges Werk. Dort, wo es sich nicht auf eine anschauliche Beschreibung des althergebrachten und romantischen Lebens bezieht, ist seine Sprache steif, und seine einzelnen Abschnitte sind in das Gewand ungewöhnlicher Sanskritpoesie gehüllt. Philosophische Abhandlungen müssen unbedingt so sein. Deshalb brauchen wir für das Studium dieses Buches Erläuterungen und Kommentare als Unterstützung. Die besten Kommentare schrieb Shridhara Swami und der wahrheitsgetreueste Interpret ist unser wunderbarer und erhabener Chaitanyadeva. Der östliche Erlöser und bedeutendste Lehrer des Bhagavatam, Sri Chaitanya Mahaprabhu, war der größte Botschafter der Liebe zu Gott und der Vater des gemeinsamen Singens des Namens des Herrn. Gleich einem lebenden Kommentar zum Vedanta verdeutlichte er durch sein göttliches Leben und seine Lehren die tiefere Bedeutung des Bhagavatam.